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Text File  |  2000-04-24  |  23.9 KB  |  682 lines

  1. TAO TE KING 
  2.  
  3. 1.
  4. Der SINN (TAO), der sich aussprechen laesst,
  5. ist nicht der ewige SINN.
  6. Der Name, der sich nennen laesst,
  7. ist nicht der ewige Name.
  8. "Nichtsein" nenne ich den Anfang von Himmel und Erde.
  9. "Sein" nenne ich die Mutter der Einzelwesen.
  10. Darum fuehrt die Richtung auf das Nichtsein
  11. zum Schauen des wunderbaren Wesens,
  12. die Richtung auf das Sein
  13. zum Schauen der raeumlichen Begrenztheiten.
  14. Beides ist eins dem Ursprung nach
  15. und nur verschieden durch den Namen.
  16. In seiner Einheit heisst es das Geheimnis.
  17. Des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis
  18. ist das Tor, durch das alle Wunder hervortreten.
  19. 2.
  20. Wenn auf Erden alle das Schoene als schoen erkennen,
  21. so ist dadurch schon das Haessliche gesetzt.
  22. Wenn auf Erden Alle das Gute als
  23. gut erkennen,
  24. so ist dadurch schon das Nichtgute gesetzt.
  25. Denn Sein und Nichtsein erzeugen einander.
  26. Schwer und leicht vollenden einander.
  27. Lang und Kurz gestalten einander.
  28. Hoch und Tief verkehren einander.
  29. Stimme und Ton sich vermaehlen einander.
  30. Vorher und Nachher folgen einander.
  31.  
  32. Also auch der Berufene:
  33. Er verweilt im Wirken ohne Handeln.
  34. Er uebt Belehrung ohne Reden.
  35. Alle Wesen treten hervor,
  36. und er verweigert sich ihnen nicht.
  37. Er erzeugt und besitzt nicht.
  38. Er wirkt und behaelt nicht.
  39. Ist das Werk vollbracht,
  40. so verharrt er nicht dabei.
  41. Und eben weil er nicht verharrt,
  42. bleibt er nicht verlassen.
  43. 3.
  44. Die Tuechtigen nicht bevorzugen,
  45. so macht man, dass das Volk nicht streitet.
  46. Kostbarkeiten nicht schaetzen,
  47. so macht man, dass das Volk nicht stiehlt.
  48. Nichts Begehrenswertes zeigen,
  49. so macht man, dass des Volkes Herz nicht wirr wird.
  50.  
  51. Darum regiert der Berufene also:
  52. Er leert ihre Herzen und fuellt ihren Leib.
  53. Er schwaecht ihren Willen und staerkt ihre Knochen
  54. und macht, dass das Volk ohne Wissen
  55. und ohne Wuensche bleibt,
  56. und sorgt dafuer,
  57. dass jene Wissenden nicht zu handeln wagen.
  58. Er macht das Nichtmachen,
  59. so kommt alles in Ordnung.
  60. 4.
  61. Der Sinn ist immer stroemend.
  62. Aber er laeuft in seinem Wirken doch nie ueber.
  63. Ein Abgrund ist er, wie der Ahn aller Dinge.
  64. Er mildert ihre Schaerfe.
  65. Er loest ihre Wirrsale.
  66. Er maessigt ihren Glanz.
  67. Er vereinigt sich mit ihrem Staub.
  68. Tief ist er und doch wie wirklich.
  69. Ich weiss nicht, wessen Sohn er ist.
  70. Er scheint frueher zu sein als Gott.
  71. 5.
  72. Himmel und Erde sind nicht guetig.
  73. Ihnen sind Menschen wie stroherne Opferhunde.
  74. Der Berufene ist nicht guetig.
  75. Ihm sind die Menschen wie stroherne Opferhunde.
  76. Der Zwischenraum zwischen Himmel und Erde
  77. ist wie eine Floete,
  78. leer und faellt doch nicht zusammen;
  79. bewegt kommt immer mehr daraus hervor.
  80. Aber viele Worte erschoepfen sich daran.
  81. Besser ist es, das Innere zu bewahren.
  82. 6.
  83. Der Geist des Tals stirbt nicht,
  84. das heisst das dunkle Weib.
  85. Das Tor des dunklen Weibs,
  86. Das heisst die Wurzel von Himmel und Erde.
  87. Ununterbrochen wie beharrend
  88. wirkt es ohne Muehe.
  89. 7.
  90. Der Himmel ist ewig und die Erde dauernd.
  91. Sie sind dauernd und ewig,
  92. weil sie nicht sich selber leben.
  93. Deshalb koennen sie ewig leben.
  94.  
  95. Also auch der Berufene:
  96. Er setzt sein Selbst hintan,
  97. und sein Selbst kommt voran.
  98. Er entaeussert sich seines Selbst,
  99. und sein Selbst bleibt erhalten.
  100. Ist es nicht also:
  101. Weil er nichts eigenes will,
  102. darum wird sein eigenes vollendet?
  103. 8.
  104. Hoechste Guete ist wie das Wasser.
  105. Des Wassers Guete ist es,
  106. allen Wesen zu nuetzen ohne Streit.
  107. Es weilt an Orten, die alle Menschen verachten.
  108. Drum steht es nahe dem SINN.
  109. Beim Wohnen zeigt sich die Guete an dem Platze.
  110. Beim Denken zeigt sich die Guete in der Tiefe.
  111. Beim Schenken zeigt sich die Guete in der Liebe.
  112. Beim Reden zeigt sich die Guete in der Wahrheit.
  113. Beim Walten zeigt sich die Guete in der Ordnung.
  114. Beim Wirken zeigt sich die Guete im Koennen.
  115. Beim Bewegen zeigt sich die Guete in der rechten Zeit.
  116. Wer sich nicht selbst behauptet,
  117. bleibt eben dadurch frei von Tadel.
  118. 9.
  119. Etwas festhalten wollen und dabei es ueberfuellen:
  120. das lohnt der Muehe nicht.
  121. Etwas handhaben wollen und dabei es immer scharf halten:
  122. das laesst sich nicht lange bewahren.
  123. Mit Gold und Edelsteinen gefuellten Saal
  124. kann niemand beschuetzen.
  125. Reich und vornehm und dazu hochmuetig sein:
  126. das zieht von selbst das Unglueck herbei.
  127. Ist das Werk vollbracht, dann sich zurueckziehen:
  128. das ist des Himmels SINN.
  129. 10.
  130. Kannst Du Deine Seele bilden, dass sie das Eine umfaengt,
  131. ohne sich zu zerstreuen?
  132. Kannst Du Deine Kraft einheitlich machen
  133. und die Weichheit erreichen,
  134. dass Du wie ein Kindlein wirst?
  135. Kannst Du Dein geheimes Schauen so reinigen,
  136. dass es frei von Flecken wird?
  137. Kannst Du die Menschen lieben und den Staat lenken,
  138. dass Du ohne Wissen bleibst?
  139. Kannst Du, wenn des Himmels Pforten
  140. sich oeffnen und schliessen,
  141. wie eine Henne sein?
  142. Kannst Du mit Deiner inneren Klarheit und Reinheit
  143. alles durchdringen, ohne des Handelns zu beduerfen?
  144. Erzeugen und ernaehren,
  145. erzeugen und nicht besitzen,
  146. wirken und nicht behalten,
  147. mehren und nicht beherrschen:
  148. das ist geheimes Leben.
  149. 11.
  150. Dreissig Speichen umgeben eine Narbe:
  151. In ihrem Nichts besteht des Wagens Werk.
  152. Man hoehlet Ton und bildet ihn zu Toepfen:
  153. In ihrem Nichts besteht der Toepfe Werk.
  154. Man graebt Tueren und Fenster, damit die Kammer werde:
  155. In ihrem Nichts besteht der Kammer Werk.
  156.  
  157. Darum: Was ist, dient zum Besitz.
  158. Was nicht ist, dient zum Werk.
  159. 12.
  160. Die fuenferlei Farben machen der Menschen Augen blind.
  161. Die fuenferlei Toene machen der Menschen Ohren taub.
  162. Die fuenferlei Wuerzen machen der Menschen Gaumen schal.
  163. Rennen und jagen machen der Menschen Herzen toll.
  164. Seltene Gueter machen der Menschen Wandel wirr.
  165.  
  166. Darum wirkt der Berufene fuer den Leib und nicht fuers Auge.
  167. Er entfernt das andere und nimmt dieses.
  168. 13.
  169. Gnade ist beschaemend wie ein Schreck.
  170. Ehre ist ein grosses Uebel wie die Person.
  171. Was heisst das: "Gnade ist beschaemend wie ein Schreck"?
  172. Gnade ist etwas Minderwertiges.
  173. Man erlangt sie und ist wie erschrocken.
  174. Man verliert sie und ist wie erschrocken.
  175. Das heisst: "Gnade ist beschaemend wie ein Schreck".
  176. Was heisst das: "Ehre ist ein grosses Uebel wie die Person"?
  177. Der Grund, warum ich grosse Uebel erfahre, ist,
  178. dass ich eine Person habe.
  179. Habe ich keine Person,
  180. was fuer Uebel koennte ich dann erfahren?
  181.  
  182. Darum: Wer in seiner Person die Welt ehrt,
  183. dem kann man wohl die Welt anvertrauen.
  184. Wer in seiner Person die Welt liebt,
  185. dem kann man wohl die Welt uebergeben.
  186. 14.
  187. Man schaut nach ihm und sieht es nicht:
  188. Sein Name ist Keim.
  189. Man horcht nach ihm und hoert es nicht:
  190. Sein Name ist Fein.
  191. Man fasst nach ihm und fuehlt es nicht:
  192. Sein Name ist Klein.
  193. Diese drei kann man nicht trennen,
  194. darum bilden sie vermischt Eines.
  195. Sein Oberes ist nicht licht,
  196. sein Unteres ist nicht dunkel.
  197. Ununterbrochen quellend,
  198. kann man es nicht nennen.
  199. Er kehrt wieder zurueck zum Nichtwesen.
  200. Das heisst die gestaltlose Gestalt,
  201. das dinglose Bild.
  202. Das heisst das dunkel Chaotische.
  203. Ihm entgegengehend sieht man nicht sein Antlitz,
  204. ihm folgend sieht man nicht seine Rueckseite.
  205. Wenn man festhaelt den SINN des Altertums,
  206. um zu beherrschen das Sein von heute,
  207. so kann man den alten Anfang wissen.
  208. Das heisst des SINNS durchgehender Faden.
  209. 15.
  210. Die vor alters tuechtig waren als Meister,
  211. waren im Verborgenen eins mit den unsichtbaren Kraeften.
  212. Tief waren sie, so dass man sie nicht kennen kann.
  213. Weil man sie nicht kennen kann,
  214. darum kann man nur mit Muehe ihr Aeusseres beschreiben.
  215. Zoegernd, wie wer im Winter einen Fluss durchschreitet,
  216. vorsichtig, wie wer von allen Seiten Nachbarn fuerchtet,
  217. zurueckhaltend wie Gaeste,
  218. vergehend wie Eis, das am Schmelzen ist,
  219. einfach, ein unbearbeiteter Stoff,
  220. weit waren sie, wie das Tal,
  221. undurchsichtig waren sie, wie das Truebe.
  222. Wer kann (wie sie) das Truebe durch Stille allmaehlich klaeren?
  223. Wer kann (wie sie) die Ruhe durch Dauer allmaehlich erzeugen?
  224. Wer diesen SINN bewahrt,
  225. begehrt nicht Fuelle.
  226. Denn nur weil er keine Fuelle hat,
  227. darum kann er gering sein,
  228. das Neue meiden
  229. und die Vollendung erreichen.
  230. 16.
  231. Schaffe Leere bis zum Hoechsten!
  232. Wahre die Stille bis zum Voelligsten!
  233. Alle Dinge moegen sich dann zugleich erheben.
  234. Ich schaue, wie sie sich wenden.
  235. Die Dinge in all ihrer Menge,
  236. ein jedes kehrt zurueck zu seiner Wurzel.
  237. Rueckkehr zur Wurzel heisst Stille.
  238. Stille heisst Wendung zum Schicksal.
  239. Wendung zum Schicksal heisst Ewigkeit.
  240. Erkenntnis der Ewigkeit heisst Klarheit.
  241. Erkennt man das Ewige nicht,
  242. so kommt man in Wirrnis und Suende.
  243. Erkennt man das Ewige,
  244. so wird man duldsam.
  245. Duldsamkeit fuehrt zur Gerechtigkeit.
  246. Gerechtigkeit fuehrt zur Herrschaft.
  247. Herrschaft fuehrt zum Himmel.
  248. Himmel fuehrt zum SINN.
  249. SINN fuehrt zur Dauer.
  250. Sein Leben lang kommt man nicht in Gefahr.
  251. 17.
  252. Herrscht ein ganz Grosser,
  253. so weiss das Volk kaum, dass er da ist.
  254. Mindere werden geliebt und gelobt,
  255. noch Mindere werden gefuerchtet,
  256. noch Mindere werden verachtet.
  257. Wie ueberlegt muss man sein in seinen Worten!
  258. Die Werke werden vollbracht,
  259. die Geschaefte gehen ihren Lauf,
  260. und die Leute denken alle:
  261. "Wir sind frei."
  262. 18.
  263. Geht der grosse SINN zugrunde,
  264. so gibt es Sittlichkeit und Pflicht.
  265. Kommen Klugheit und Wissen auf,
  266. so gibt es die grossen Luegen.
  267. Werden die Verwandten uneins,
  268. so gibt es Kindespflicht und Liebe.
  269. Geraten die Staaten in Verwirrung.
  270. so gibt es die treuen Beamten.
  271. 19.
  272. Tut ab die Heiligkeit, werft weg das Wissen,
  273. so wird das Volk hundertfach gewinnen.
  274. Tut ab die Sittlichkeit, werft weg die Pflicht,
  275. so wird das Volk zurueckkehren zu Kindespflicht und Liebe.
  276. Tut ab die Geschicklichkeit, werft weg den Gewinn,
  277. so wird es Diebe und Raeuber nicht mehr geben.
  278. In diesen drei Stuecken
  279. ist der schoene Schein nicht ausreichend.
  280. Darum sorgt, dass die Menschen sich an etwas halten koennen.
  281. Zeigt Einfachheit, haltet fest die Lauterkeit!
  282. Mindert Selbstsucht, verringert die Begierden!
  283. Gebt auf die Gelehrsamkeit!
  284. So werdet ihr frei von Sorgen.
  285. 20.
  286. Zwischen "Gewiss" und "Jawohl":
  287. was ist da fuer ein Unterschied?
  288. Zwischen "Gut" und "Boese":
  289. was ist da fuer ein Unterschied?
  290. Was die Menschen ehren, muss man ehren.
  291. O Einsamkeit, wie lange dauerst Du?
  292. Alle Menschen sind so strahlend, als ginge es um grosse Opfer,
  293. als stiegen sie im Fruehling auf die Tuerme.
  294. Nur ich bin so zoegernd, mir ward noch kein Zeichen,
  295. wie ein Saeugling, der noch nicht lachen kann,
  296. unruhig, umgetrieben, als haette ich keine Heimat.
  297. Alle Menschen haben Ueberfluss; nur ich bin wie vergessen.
  298. Ich habe das Herz eines Toren, so wirr und dunkel.
  299. Die Weltmenschen sind hell, ach so hell;
  300. nur ich bin wie truebe.
  301. Die Weltmenschen sind klug, ach so klug;
  302. nur ich bin wie verschlossen in mir,
  303. unruhig, ach, als wie das Meer, wirbelnd, ach, ohn Unterlass.
  304. Alle Menschen haben ihre Zwecke;
  305. nur ich bin muessig wie ein Bettler.
  306. Ich allein bin anders als die Menschen:
  307. Doch ich halte es wert,
  308. Nahrung zu suchen bei der Mutter.
  309. 21.
  310. Des grossen LEBENS (TE) Inhalt
  311. folgt ganz dem SINN.
  312. Der SINN bewirkt die Dinge
  313. so chaotisch, so dunkel.
  314. Chaotisch, dunkel
  315. sind in ihm die Bilder.
  316. Dunkel, chaotisch
  317. sind in ihm die Dinge.
  318. Unergruendlich finster
  319. ist in ihm Same.
  320. Dieser Same ist ganz wahr.
  321. In ihm ist Zuverlaessigkeit.
  322. Von alters bis heute
  323. sind die Namen nicht zu entbehren,
  324. um zu ueberschauen alle Dinge.
  325. Woher weiss ich aller Dinge Art?
  326. Eben durch sie.
  327. 22.
  328. Was halb ist, wird ganz werden.
  329. Was krumm ist, wird gerade werden.
  330. Was leer ist, wird voll werden.
  331. Was alt ist, wird neu werden.
  332. Wer wenig hat, wir bekommen.
  333. Wer viel hat, wird benommen.
  334.  
  335. Also auch der Berufene:
  336. Er umfasst das Eine
  337. und ist der Welt Vorbild.
  338. Er will nicht selber scheinen,
  339. darum wird er erleuchtet.
  340. Er will nichts selber sein,
  341. darum wird er herrlich.
  342. Er ruehmt sich selber nicht,
  343. darum vollbringt er Werke.
  344. Er tut sich nicht selber hervor,
  345. darum wird er erhoben.
  346. Denn wer nicht streitet,
  347. mit dem kann niemand auf der Welt streiten.
  348. Was die Alten gesagt: "Was halb ist, soll voll werden",
  349. ist fuerwahr kein leeres Wort.
  350. Alle wahre Vollkommenheit ist darunter befasst.
  351. 23.
  352. Macht selten die Worte,
  353. Dann geht alles von selbst.
  354. Ein Wirbelsturm dauert keinen Morgen lang.
  355. Ein Platzregen dauert keinen Tag.
  356. Und wer wirkt diese?
  357. Himmel und Erde.
  358. Was nun selbst Himmel und Erde nicht dauernd vermoegen,
  359. Wieviel weniger kann das der Mensch?
  360.  
  361. Darum: Wenn Du an Dein Werk gehst mit dem SINN,
  362. so wirst Du mit denen, so den SINN haben, eins im SINN,
  363. mit denen, so das LEBEN haben, eins im LEBEN,
  364. mit denen, so arm sind, eins in ihrer Armut.
  365. Bist Du Eins mit ihnen im SINN,
  366. so kommen Dir die, so den SINN haben,
  367. auch freudig entgegen.
  368. Bist Du eins mit ihnen im LEBEN,
  369. so kommen Dir die, so das LEBEN haben, auch freudig entgegen.
  370. Bist Du eins mit ihnen in ihrer Armut,
  371. so kommen Dir die, so da arm sind, auch freudig entgegen.
  372. Wo aber der Glaube nicht stark genug ist,
  373. da findet man keinen Glauben.
  374. 24.
  375. Wer auf den Zehen steht,
  376. steht nicht fest.
  377. Wer mit gespreizten Beinen geht,
  378. kommt nicht voran.
  379. Wer selber scheinen will,
  380. wird nicht erleuchtet.
  381. Wer selber etwas sein will,
  382. wird nicht herrlich.
  383. Wer selber sich ruehmt,
  384. vollbringt nicht Werke.
  385. Wer selber sich hervortut,
  386. wird nicht erhoben.
  387. Er ist fuer den SINN wie Kuechenabfall und Eiterbeule.
  388. Und auch die Geschoepfe alle hassen ihn.
  389. Darum: Wer den SINN hat,
  390. weilt nicht dabei.
  391. 25.
  392. Es gibt ein Ding, das ist unterschiedslos vollendet.
  393. Bevor der Himmel und die Erde waren,
  394. ist es schon da,
  395. so still, so einsam.
  396. Allein steht es und aendert sich nicht.
  397. Im Kreis laeuft es und gefaehrdet sich nicht.
  398. Man kann es nennen die Mutter der Welt.
  399. Ich weiss nicht seinen Namen.
  400. Ich bezeichne es als SINN.
  401. Muehsam einen Namen ihm gebend,
  402. nenne ich es: gross.
  403. Gross, das heisst immer bewegt.
  404. Immer bewegt, das heisst ferne.
  405. Ferne, das heisst zurueckkehrend
  406. So ist der SINN gross,
  407. der Himmel gross, die Erde gross,
  408. und auch der Mensch ist gross.
  409. Vier Grosse gibt es im Raume,
  410. und der Mensch ist auch darunter.
  411. Der Mensch richtet sich nach der Erde.
  412. Die Erde richtet sich nach dem Himmel.
  413. Der Himmel richtet sich nach dem SINN.
  414. Der SINN richtet sich nach sich selber.
  415. 26.
  416. Das Gewichtige ist des Leichten Wurzel.
  417. Die Stille ist der Unruhe Herr.
  418.  
  419. Also auch der Berufene:
  420. Er wandert den ganzen Tag,
  421. ohne sich vom schweren Gepaeck zu trennen.
  422. Mag er auch alle Herrlichkeiten vor Augen haben:
  423. Er weilt zufrieden in seiner Einsamkeit.
  424. Wieviel weniger erst darf der Herr des Reiches
  425. in seiner Person den Erdkreis leicht nehmen!
  426. Durch leichtnehmen verliert man die Wurzel.
  427. Durch Unruhe verliert man die Herrschaft.
  428. 27.
  429. Ein guter Wanderer laesst keine Spur zurueck.
  430. Ein guter Redner braucht nichts zu widerlegen.
  431. Ein guter Rechner braucht keine Rechenstaebchen.
  432. Ein guter Schliesser braucht nicht Schloss noch Schluessel,
  433. und doch kann niemand auftun.
  434. Ein guter Binder braucht nicht Strick noch Baender,
  435. und doch kann niemand loesen.
  436. Der Berufene versteht es immer gut,
  437. die Menschen zu retten;
  438. darum gibt es fuer ihn keine verworfenen Menschen.
  439. Er versteht es immer gut, die Dinge zu retten;
  440. darum gibt es fuer ihn keine verworfenen Dinge.
  441. Das heisst die Klarheit erben.
  442. So sind die guten Menschen die Lehrer der Nichtguten,
  443. und die nichtguten Menschen sind der Stoff fuer die Guten.
  444. Wer seine Lehrer nicht werthielte
  445. und seinen Stoff nicht liebte,
  446. der waere bei allem Wissen in schwerem Irrtum.
  447. Das ist das grosse Geheimnis.
  448. 28.
  449. Wer seine Mannheit kennt
  450. und seine Weibheit wahrt,
  451. der ist die Schlucht der Welt.
  452. Ist er die Schlucht der Welt,
  453. so verlaesst ihn nicht das ewige LEBEN,
  454. und er wird wieder wie ein Kind.
  455. Wer seine Reinheit kennt
  456. und seine Schwaeche wahrt,
  457. ist Vorbild fuer die Welt.
  458. Ist Vorbild er der Welt,
  459. so weicht von ihm nicht das ewige LEBEN,
  460. und er kehrt wieder zum Ungewordenen um.
  461. Wer seine Ehre kennt
  462. und seine Schmach bewahrt,
  463. der ist das Tal der Welt.
  464. Ist er das Tal der Welt,
  465. so hat er Genuege am ewigen LEBEN,
  466. und er kehrt zurueck zur Einfalt.
  467. Ist die Einfalt zerstreut, so gibt es "brauchbare" Menschen.
  468. Uebt der Berufene sie aus, so wird er der Herr der Beamten.
  469. Darum: Grossartige Gestaltung
  470. bedarf nicht des Beschneidens.
  471. 29.
  472. Die Welt erobern und behandeln wollen,
  473. ich habe erlebt, dass das misslingt.
  474. Die Welt ist ein geistiges Ding,
  475. das man nicht behandeln darf.
  476. Wer sie behandelt, verdirbt sie,
  477. wer sie festhalten will, verliert sie.
  478. Die Dinge gehen bald voran, bald folgen sie,
  479. bald hauchen sie warm, bald blasen sie kalt,
  480. bald sind sie stark, bald sind sie duenn,
  481. bald schwimmen sie oben, bald stuerzen sie.
  482. Darum meidet der Berufene
  483. das Zusehr, das Zuviel, das Zugross.
  484. 30.
  485. Wer im rechten SINN einem Menschenherrscher hilft,
  486. vergewaltigt nicht durch Waffen die Welt,
  487. denn die Handlungen kommen auf das eigene Haupt zurueck.
  488. Wo die Heere geweilt haben, wachsen Disteln und Dornen.
  489. Hinter den Kaempfen her kommen immer Hungerjahre.
  490. Darum sucht der Tuechtige nur Entscheidung, nichts weiter;
  491. er wagt nicht, durch Gewalt zu erobern.
  492. Entscheidung, ohne sich zu bruesten,
  493. Entscheidung, ohne sich zu ruehmen,
  494. Entscheidung, ohne stolz zu sein,
  495. Entscheidung, weil's nicht anders geht,
  496. Entscheidung, ferne von Gewalt.
  497. 31.
  498. Waffen sind unheilvolle Geraete, alle Wesen hassen sie wohl.
  499. Darum will der, der den rechten SINN hat,
  500. nichts von ihnen wissen.
  501. Der Edle in seinem gewoehnlichen Leben
  502. achtet die Linke als Ehrenplatz.
  503. Beim Waffenhandwerk ist die Rechte der Ehrenplatz.
  504. Die Waffen sind unheilvolle Geraete,
  505. nicht Geraete fuer den Edlen.
  506. Nur wenn er nicht anders kann, gebraucht er sie.
  507. Ruhe und Frieden sind ihm das Hoechste.
  508. Er siegt, aber er freut sich nicht daran.
  509. Wer sich daran freuen wollte,
  510. wuerde sich ja des Menschenmordes freuen.
  511. Wer sich des Menschenmordes freuen wollte,
  512. kann nicht sein Ziel erreichen in der Welt.
  513. Bei Gluecksfaellen achtet man die Linke als Ehrenplatz.
  514. Bei Ungluecksfaellen achtet man die Rechte als Ehrenplatz.
  515. Der Unterfeldherr steht zur Linken, der Oberfuehrer steht zur Rechten.
  516. Das heisst, er nimmt seinen Platz ein nach dem Brauch der Trauerfeiern.
  517. Menschen toeten in grosser Zahl,
  518. das soll man beklagen mit Traenen des Mitleids.
  519. Wer im Kampfe gesiegt, der soll wie bei einer Trauerfeier weilen.
  520. 32.
  521. Der SINN als Ewiger ist namenlose Einfalt.
  522. Obwohl klein,
  523. wagt die Welt ihn nicht zum Diener zu machen.
  524. Wenn Fuersten und Koenige ihn  so wahren koennten,
  525. so wuerden alle Dinge sich als Gaeste einstellen.
  526. Himmel und Erde wuerden sich vereinen,
  527. um suessen Tau zu traeufeln.
  528. Das Volk wuerde ohne Befehle
  529. von selbst ins Gleichgewicht kommen.
  530. Wenn die Gestaltung beginnt,
  531. dann erst gibt es Namen.
  532. Die Namen erreichen auch das Sein,
  533. und man weiss auch noch,
  534. wo haltzumachen ist.
  535. Weiss man, wo haltzumachen ist,
  536. so kommt man nicht in Gefahr.
  537. Man kann das Verhaeltnis des SINNS zur Welt vergleichen
  538. mit den Bergbaechen und Talwassern,
  539. die sich in Stroeme und Meere ergiessen.
  540. 33.
  541. Wer andre kennt, ist klug.
  542. Wer sich selber kennt, ist weise.
  543. Wer andere besiegt, hat Kraft.
  544. Wer sich selber besiegt, ist stark.
  545. Wer sich durchsetzt, hat Willen.
  546. Wer sich genuegen laesst, ist reich.
  547. Wer seinen Platz nicht verliert,
  548. hat Dauer.
  549. Wer auch im Tode nicht untergeht,
  550. der lebt.
  551. 34.
  552. Der grosse SINN ist ueberstroemend;
  553. er kann zur Rechten sein und zur Linken.
  554. Alle Dinge verdanken ihm ihr Dasein,
  555. und er verweigert sich ihnen nicht.
  556. Ist das Werk vollbracht,
  557. so heisst er es nicht seinen Besitz.
  558. Er kleidet und naehrt alle Dinge
  559. und spielt nicht ihren Herrn.
  560. Sofern er ewig nicht begehrend ist,
  561. kann man ihn als klein bezeichnen.
  562. Sofern alle Dinge von ihm abhaengen,
  563. ohne ihn als Herrn zu kennen,
  564. kann man ihn als gross bezeichnen.
  565.  
  566. Also auch der Berufene:
  567. Niemals macht er sich gross;
  568. darum bringt er sein grosses Werk zustande.
  569. 35.
  570. Wer festhaelt das grosse Urbild,
  571. zu dem kommt die Welt.
  572. Sie kommt und wird nicht verletzt,
  573. in Ruhe, Gleichheit und Seligkeit.
  574.  
  575. Musik und Koeder:
  576. Sie machen wohl den Wanderer auf seinem Weg anhalten.
  577. Der SINN geht aus dem Munde hervor,
  578. milde und ohne Geschmack.
  579. Du blickst nach ihm und siehst nichts Sonderliches.
  580. Du horchst nach ihm und hoerst nichts Sonderliches.
  581. Du handelst nach ihm und findest kein Ende.
  582. 36.
  583. Was Du zusammendruecken willst,
  584. das musst Du erst richtig sich ausdehnen lassen.
  585. Was Du schwaechen willst,
  586. das musst Du erst richtig stark werden lassen.
  587. Was Du vernichten willst,
  588. das musst Du erst richtig aufbluehen lassen.
  589. Wem Du nehmen willst,
  590. dem musst Du erst richtig geben.
  591. Das heisst Klarheit ueber das Unsichtbare.
  592. Das Weiche siegt ueber das Harte.
  593. Das Schwache siegt ueber das Starke.
  594. Den Fisch darf man nicht der Tiefe entnehmen
  595. Des Reiches Foerderungsmittel
  596. darf man nicht den Leuten zeigen.
  597. 37.
  598. Der SINN ist ewig ohne Machen,
  599. und nichts bleibt ungemacht.
  600. Wenn Fuersten und Koenige ihn zu wahren verstehen,
  601. so werden alle Dinge sich von selber gestalten.
  602. Gestalten sie sich und es erheben sich die Begierden,
  603. so wuerde ich sie bannen durch namenlose Einfalt.
  604. Namenlose Einfalt bewirkt Wunschlosigkeit.
  605. Wunschlosigkeit macht still,
  606. und die Welt wird von selber recht.
  607. 38.
  608. Wer das LEBEN hochhaelt, weiss nichts vom LEBEN;
  609. darum hat er LEBEN:
  610. Wer das LEBEN nicht hochhaelt, sucht das LEBEN nicht zu verlieren;
  611. darum hat er kein LEBEN.
  612. Wer das LEBEN hochhaelt, handelt nicht und hat keine Absichten.
  613. Wer das LEBEN nicht hochhaelt, handelt und hat Absichten.
  614. Wer die Liebe hochhaelt, handelt, aber hat keine Absichten.
  615. Wer die Gerechtigkeit hochhaelt, handelt und hat Absichten.
  616. Wer die Sitte hochhaelt, handelt, und wenn ihm jemand nicht erwidert,
  617. so fuchtelt er mit den Armen und holt ihn heran.
  618. Darum:
  619. Ist der SINN verloren, dann das LEBEN.
  620. Ist das LEBEN verloren, dann die Liebe.
  621. Ist die Liebe verloren, dann die Gerechtigkeit.
  622. Ist die Gerechtigkeit verloren, dann die Sitte.
  623. Die Sitte ist Treu und Glaubens Duerftigkeit und der Verwirrung Anfang.
  624. Vorherwissen ist des SINNES Schein und der Torheit Beginn.
  625. Darum bleibt der rechte Mann beim Voelligen und nicht beim Duerftigen.
  626. Er wohnt im Sein und nicht im Schein.
  627. Er tut das andere ab und haelt sich an dieses.
  628. 39.
  629. Die einst das Eine erlangten:
  630. Der Himmel erlangte das Eine und wurde rein.
  631. Die Erde erlangte das Eine und wurde fest.
  632. Die Goetter erlangten das Eine und wurden maechtig.
  633. Das Tal erlangte das Eine und erfuellte sich.
  634. Alle Dinge erlangten das Eine und entstanden.
  635. Koenige und Fuersten erlangten das Eine und wurden das Vorbild der Welt.
  636. Das alles ist durch das Eine bewirkt.
  637. Waere der Himmel nicht rein dadurch, so muesste er bersten.
  638. Waere die Erde nicht fest dadurch, so muesste sie wanken.
  639. Waeren die Goetter nicht maechtig dadurch, so muessten sie erstarren.
  640. Waere das Tal nicht erfuellt dadurch, so muesste es sich erschoepfen.
  641. Waeren alle Dinge nicht erstanden dadurch, so muessten sie erloeschen.
  642. Waeren die Koenige und Fuersten nicht erhaben dadurch, so muessten sie stuerzen.
  643. Darum: Das Edle hat das Geringe zur Wurzel.
  644. Das Hohe hat das Niedriege zur Grundlage.
  645. Also auch die Fuersten und Koenige:
  646. Sie nennen sich: 'Einsam', 'Verwaist','Wenigkeit'.
  647. Dadurch bezeichnen sie das Geringe als ihre Wurzel.
  648. Oder ist es nicht so?
  649. Denn: Ohne die einzelnen Bestandteile eines Wagens gibt es keinen Wagen.
  650. Wuensche nicht das glaenzende Gleissen des Juwels,
  651. sondern die rohe Rauheit des Steins.
  652. 40.
  653. Rueckkehr ist die Bewegung des SINNS.
  654. Schwachheit ist die Wirkung des SINNS.
  655. Alle Ding unter dem Himmel entstehen im Sein.
  656. Das Sein entsteht im Nichtsein.
  657. 41.
  658. Wenn ein Weiser hoechster Art vom SINN hoert,
  659. so ist er eifrig und tut danach.
  660. Wenn ein Weiser mittlerer Art vom SINN hoert,
  661. so glaubt er halb, halb zweifelt er.
  662. Wenn ein Weiser niedrigeer Art vom SINN hoert,
  663. so lacht er laut darueber.
  664. Wenn er nicht laut lacht,
  665. so war es doch nicht der eigentliche SINN.
  666. Darum hat ein Spruchdichter die Worte:
  667. "Der klare SINN erscheint dunkel.
  668. Der SINN des Fortschritts erscheint als Rueckzug.
  669. Der ebene SINN erscheint rauh.
  670. Das hoechste LEBEN erscheint als Tal.
  671. Die hoechste Reinheit erscheint als Schmach.
  672. Das weite LEBEN erscheint als ungenuegend.
  673. Das starke LEBEN erscheint verstohlen.
  674. Das wahre Wesen erscheint veraenderlich.
  675. Das grosse Geviert hat keine Ecken.
  676. Das grosse Geraet wird spaet vollendet.
  677. Der grosse Ton hat unhoerbaren Laut.
  678. Das grosse Bild hat keine Form".
  679. Der SINN in seiner Verborgenheit ist ohne Namen.
  680. Und doch ist gerade der SINN gut im Spenden und Vollenden.
  681. 42.
  682.