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- TAO TE KING
-
- 1.
- Der SINN (TAO), der sich aussprechen laesst,
- ist nicht der ewige SINN.
- Der Name, der sich nennen laesst,
- ist nicht der ewige Name.
- "Nichtsein" nenne ich den Anfang von Himmel und Erde.
- "Sein" nenne ich die Mutter der Einzelwesen.
- Darum fuehrt die Richtung auf das Nichtsein
- zum Schauen des wunderbaren Wesens,
- die Richtung auf das Sein
- zum Schauen der raeumlichen Begrenztheiten.
- Beides ist eins dem Ursprung nach
- und nur verschieden durch den Namen.
- In seiner Einheit heisst es das Geheimnis.
- Des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis
- ist das Tor, durch das alle Wunder hervortreten.
- 2.
- Wenn auf Erden alle das Schoene als schoen erkennen,
- so ist dadurch schon das Haessliche gesetzt.
- Wenn auf Erden Alle das Gute als
- gut erkennen,
- so ist dadurch schon das Nichtgute gesetzt.
- Denn Sein und Nichtsein erzeugen einander.
- Schwer und leicht vollenden einander.
- Lang und Kurz gestalten einander.
- Hoch und Tief verkehren einander.
- Stimme und Ton sich vermaehlen einander.
- Vorher und Nachher folgen einander.
-
- Also auch der Berufene:
- Er verweilt im Wirken ohne Handeln.
- Er uebt Belehrung ohne Reden.
- Alle Wesen treten hervor,
- und er verweigert sich ihnen nicht.
- Er erzeugt und besitzt nicht.
- Er wirkt und behaelt nicht.
- Ist das Werk vollbracht,
- so verharrt er nicht dabei.
- Und eben weil er nicht verharrt,
- bleibt er nicht verlassen.
- 3.
- Die Tuechtigen nicht bevorzugen,
- so macht man, dass das Volk nicht streitet.
- Kostbarkeiten nicht schaetzen,
- so macht man, dass das Volk nicht stiehlt.
- Nichts Begehrenswertes zeigen,
- so macht man, dass des Volkes Herz nicht wirr wird.
-
- Darum regiert der Berufene also:
- Er leert ihre Herzen und fuellt ihren Leib.
- Er schwaecht ihren Willen und staerkt ihre Knochen
- und macht, dass das Volk ohne Wissen
- und ohne Wuensche bleibt,
- und sorgt dafuer,
- dass jene Wissenden nicht zu handeln wagen.
- Er macht das Nichtmachen,
- so kommt alles in Ordnung.
- 4.
- Der Sinn ist immer stroemend.
- Aber er laeuft in seinem Wirken doch nie ueber.
- Ein Abgrund ist er, wie der Ahn aller Dinge.
- Er mildert ihre Schaerfe.
- Er loest ihre Wirrsale.
- Er maessigt ihren Glanz.
- Er vereinigt sich mit ihrem Staub.
- Tief ist er und doch wie wirklich.
- Ich weiss nicht, wessen Sohn er ist.
- Er scheint frueher zu sein als Gott.
- 5.
- Himmel und Erde sind nicht guetig.
- Ihnen sind Menschen wie stroherne Opferhunde.
- Der Berufene ist nicht guetig.
- Ihm sind die Menschen wie stroherne Opferhunde.
- Der Zwischenraum zwischen Himmel und Erde
- ist wie eine Floete,
- leer und faellt doch nicht zusammen;
- bewegt kommt immer mehr daraus hervor.
- Aber viele Worte erschoepfen sich daran.
- Besser ist es, das Innere zu bewahren.
- 6.
- Der Geist des Tals stirbt nicht,
- das heisst das dunkle Weib.
- Das Tor des dunklen Weibs,
- Das heisst die Wurzel von Himmel und Erde.
- Ununterbrochen wie beharrend
- wirkt es ohne Muehe.
- 7.
- Der Himmel ist ewig und die Erde dauernd.
- Sie sind dauernd und ewig,
- weil sie nicht sich selber leben.
- Deshalb koennen sie ewig leben.
-
- Also auch der Berufene:
- Er setzt sein Selbst hintan,
- und sein Selbst kommt voran.
- Er entaeussert sich seines Selbst,
- und sein Selbst bleibt erhalten.
- Ist es nicht also:
- Weil er nichts eigenes will,
- darum wird sein eigenes vollendet?
- 8.
- Hoechste Guete ist wie das Wasser.
- Des Wassers Guete ist es,
- allen Wesen zu nuetzen ohne Streit.
- Es weilt an Orten, die alle Menschen verachten.
- Drum steht es nahe dem SINN.
- Beim Wohnen zeigt sich die Guete an dem Platze.
- Beim Denken zeigt sich die Guete in der Tiefe.
- Beim Schenken zeigt sich die Guete in der Liebe.
- Beim Reden zeigt sich die Guete in der Wahrheit.
- Beim Walten zeigt sich die Guete in der Ordnung.
- Beim Wirken zeigt sich die Guete im Koennen.
- Beim Bewegen zeigt sich die Guete in der rechten Zeit.
- Wer sich nicht selbst behauptet,
- bleibt eben dadurch frei von Tadel.
- 9.
- Etwas festhalten wollen und dabei es ueberfuellen:
- das lohnt der Muehe nicht.
- Etwas handhaben wollen und dabei es immer scharf halten:
- das laesst sich nicht lange bewahren.
- Mit Gold und Edelsteinen gefuellten Saal
- kann niemand beschuetzen.
- Reich und vornehm und dazu hochmuetig sein:
- das zieht von selbst das Unglueck herbei.
- Ist das Werk vollbracht, dann sich zurueckziehen:
- das ist des Himmels SINN.
- 10.
- Kannst Du Deine Seele bilden, dass sie das Eine umfaengt,
- ohne sich zu zerstreuen?
- Kannst Du Deine Kraft einheitlich machen
- und die Weichheit erreichen,
- dass Du wie ein Kindlein wirst?
- Kannst Du Dein geheimes Schauen so reinigen,
- dass es frei von Flecken wird?
- Kannst Du die Menschen lieben und den Staat lenken,
- dass Du ohne Wissen bleibst?
- Kannst Du, wenn des Himmels Pforten
- sich oeffnen und schliessen,
- wie eine Henne sein?
- Kannst Du mit Deiner inneren Klarheit und Reinheit
- alles durchdringen, ohne des Handelns zu beduerfen?
- Erzeugen und ernaehren,
- erzeugen und nicht besitzen,
- wirken und nicht behalten,
- mehren und nicht beherrschen:
- das ist geheimes Leben.
- 11.
- Dreissig Speichen umgeben eine Narbe:
- In ihrem Nichts besteht des Wagens Werk.
- Man hoehlet Ton und bildet ihn zu Toepfen:
- In ihrem Nichts besteht der Toepfe Werk.
- Man graebt Tueren und Fenster, damit die Kammer werde:
- In ihrem Nichts besteht der Kammer Werk.
-
- Darum: Was ist, dient zum Besitz.
- Was nicht ist, dient zum Werk.
- 12.
- Die fuenferlei Farben machen der Menschen Augen blind.
- Die fuenferlei Toene machen der Menschen Ohren taub.
- Die fuenferlei Wuerzen machen der Menschen Gaumen schal.
- Rennen und jagen machen der Menschen Herzen toll.
- Seltene Gueter machen der Menschen Wandel wirr.
-
- Darum wirkt der Berufene fuer den Leib und nicht fuers Auge.
- Er entfernt das andere und nimmt dieses.
- 13.
- Gnade ist beschaemend wie ein Schreck.
- Ehre ist ein grosses Uebel wie die Person.
- Was heisst das: "Gnade ist beschaemend wie ein Schreck"?
- Gnade ist etwas Minderwertiges.
- Man erlangt sie und ist wie erschrocken.
- Man verliert sie und ist wie erschrocken.
- Das heisst: "Gnade ist beschaemend wie ein Schreck".
- Was heisst das: "Ehre ist ein grosses Uebel wie die Person"?
- Der Grund, warum ich grosse Uebel erfahre, ist,
- dass ich eine Person habe.
- Habe ich keine Person,
- was fuer Uebel koennte ich dann erfahren?
-
- Darum: Wer in seiner Person die Welt ehrt,
- dem kann man wohl die Welt anvertrauen.
- Wer in seiner Person die Welt liebt,
- dem kann man wohl die Welt uebergeben.
- 14.
- Man schaut nach ihm und sieht es nicht:
- Sein Name ist Keim.
- Man horcht nach ihm und hoert es nicht:
- Sein Name ist Fein.
- Man fasst nach ihm und fuehlt es nicht:
- Sein Name ist Klein.
- Diese drei kann man nicht trennen,
- darum bilden sie vermischt Eines.
- Sein Oberes ist nicht licht,
- sein Unteres ist nicht dunkel.
- Ununterbrochen quellend,
- kann man es nicht nennen.
- Er kehrt wieder zurueck zum Nichtwesen.
- Das heisst die gestaltlose Gestalt,
- das dinglose Bild.
- Das heisst das dunkel Chaotische.
- Ihm entgegengehend sieht man nicht sein Antlitz,
- ihm folgend sieht man nicht seine Rueckseite.
- Wenn man festhaelt den SINN des Altertums,
- um zu beherrschen das Sein von heute,
- so kann man den alten Anfang wissen.
- Das heisst des SINNS durchgehender Faden.
- 15.
- Die vor alters tuechtig waren als Meister,
- waren im Verborgenen eins mit den unsichtbaren Kraeften.
- Tief waren sie, so dass man sie nicht kennen kann.
- Weil man sie nicht kennen kann,
- darum kann man nur mit Muehe ihr Aeusseres beschreiben.
- Zoegernd, wie wer im Winter einen Fluss durchschreitet,
- vorsichtig, wie wer von allen Seiten Nachbarn fuerchtet,
- zurueckhaltend wie Gaeste,
- vergehend wie Eis, das am Schmelzen ist,
- einfach, ein unbearbeiteter Stoff,
- weit waren sie, wie das Tal,
- undurchsichtig waren sie, wie das Truebe.
- Wer kann (wie sie) das Truebe durch Stille allmaehlich klaeren?
- Wer kann (wie sie) die Ruhe durch Dauer allmaehlich erzeugen?
- Wer diesen SINN bewahrt,
- begehrt nicht Fuelle.
- Denn nur weil er keine Fuelle hat,
- darum kann er gering sein,
- das Neue meiden
- und die Vollendung erreichen.
- 16.
- Schaffe Leere bis zum Hoechsten!
- Wahre die Stille bis zum Voelligsten!
- Alle Dinge moegen sich dann zugleich erheben.
- Ich schaue, wie sie sich wenden.
- Die Dinge in all ihrer Menge,
- ein jedes kehrt zurueck zu seiner Wurzel.
- Rueckkehr zur Wurzel heisst Stille.
- Stille heisst Wendung zum Schicksal.
- Wendung zum Schicksal heisst Ewigkeit.
- Erkenntnis der Ewigkeit heisst Klarheit.
- Erkennt man das Ewige nicht,
- so kommt man in Wirrnis und Suende.
- Erkennt man das Ewige,
- so wird man duldsam.
- Duldsamkeit fuehrt zur Gerechtigkeit.
- Gerechtigkeit fuehrt zur Herrschaft.
- Herrschaft fuehrt zum Himmel.
- Himmel fuehrt zum SINN.
- SINN fuehrt zur Dauer.
- Sein Leben lang kommt man nicht in Gefahr.
- 17.
- Herrscht ein ganz Grosser,
- so weiss das Volk kaum, dass er da ist.
- Mindere werden geliebt und gelobt,
- noch Mindere werden gefuerchtet,
- noch Mindere werden verachtet.
- Wie ueberlegt muss man sein in seinen Worten!
- Die Werke werden vollbracht,
- die Geschaefte gehen ihren Lauf,
- und die Leute denken alle:
- "Wir sind frei."
- 18.
- Geht der grosse SINN zugrunde,
- so gibt es Sittlichkeit und Pflicht.
- Kommen Klugheit und Wissen auf,
- so gibt es die grossen Luegen.
- Werden die Verwandten uneins,
- so gibt es Kindespflicht und Liebe.
- Geraten die Staaten in Verwirrung.
- so gibt es die treuen Beamten.
- 19.
- Tut ab die Heiligkeit, werft weg das Wissen,
- so wird das Volk hundertfach gewinnen.
- Tut ab die Sittlichkeit, werft weg die Pflicht,
- so wird das Volk zurueckkehren zu Kindespflicht und Liebe.
- Tut ab die Geschicklichkeit, werft weg den Gewinn,
- so wird es Diebe und Raeuber nicht mehr geben.
- In diesen drei Stuecken
- ist der schoene Schein nicht ausreichend.
- Darum sorgt, dass die Menschen sich an etwas halten koennen.
- Zeigt Einfachheit, haltet fest die Lauterkeit!
- Mindert Selbstsucht, verringert die Begierden!
- Gebt auf die Gelehrsamkeit!
- So werdet ihr frei von Sorgen.
- 20.
- Zwischen "Gewiss" und "Jawohl":
- was ist da fuer ein Unterschied?
- Zwischen "Gut" und "Boese":
- was ist da fuer ein Unterschied?
- Was die Menschen ehren, muss man ehren.
- O Einsamkeit, wie lange dauerst Du?
- Alle Menschen sind so strahlend, als ginge es um grosse Opfer,
- als stiegen sie im Fruehling auf die Tuerme.
- Nur ich bin so zoegernd, mir ward noch kein Zeichen,
- wie ein Saeugling, der noch nicht lachen kann,
- unruhig, umgetrieben, als haette ich keine Heimat.
- Alle Menschen haben Ueberfluss; nur ich bin wie vergessen.
- Ich habe das Herz eines Toren, so wirr und dunkel.
- Die Weltmenschen sind hell, ach so hell;
- nur ich bin wie truebe.
- Die Weltmenschen sind klug, ach so klug;
- nur ich bin wie verschlossen in mir,
- unruhig, ach, als wie das Meer, wirbelnd, ach, ohn Unterlass.
- Alle Menschen haben ihre Zwecke;
- nur ich bin muessig wie ein Bettler.
- Ich allein bin anders als die Menschen:
- Doch ich halte es wert,
- Nahrung zu suchen bei der Mutter.
- 21.
- Des grossen LEBENS (TE) Inhalt
- folgt ganz dem SINN.
- Der SINN bewirkt die Dinge
- so chaotisch, so dunkel.
- Chaotisch, dunkel
- sind in ihm die Bilder.
- Dunkel, chaotisch
- sind in ihm die Dinge.
- Unergruendlich finster
- ist in ihm Same.
- Dieser Same ist ganz wahr.
- In ihm ist Zuverlaessigkeit.
- Von alters bis heute
- sind die Namen nicht zu entbehren,
- um zu ueberschauen alle Dinge.
- Woher weiss ich aller Dinge Art?
- Eben durch sie.
- 22.
- Was halb ist, wird ganz werden.
- Was krumm ist, wird gerade werden.
- Was leer ist, wird voll werden.
- Was alt ist, wird neu werden.
- Wer wenig hat, wir bekommen.
- Wer viel hat, wird benommen.
-
- Also auch der Berufene:
- Er umfasst das Eine
- und ist der Welt Vorbild.
- Er will nicht selber scheinen,
- darum wird er erleuchtet.
- Er will nichts selber sein,
- darum wird er herrlich.
- Er ruehmt sich selber nicht,
- darum vollbringt er Werke.
- Er tut sich nicht selber hervor,
- darum wird er erhoben.
- Denn wer nicht streitet,
- mit dem kann niemand auf der Welt streiten.
- Was die Alten gesagt: "Was halb ist, soll voll werden",
- ist fuerwahr kein leeres Wort.
- Alle wahre Vollkommenheit ist darunter befasst.
- 23.
- Macht selten die Worte,
- Dann geht alles von selbst.
- Ein Wirbelsturm dauert keinen Morgen lang.
- Ein Platzregen dauert keinen Tag.
- Und wer wirkt diese?
- Himmel und Erde.
- Was nun selbst Himmel und Erde nicht dauernd vermoegen,
- Wieviel weniger kann das der Mensch?
-
- Darum: Wenn Du an Dein Werk gehst mit dem SINN,
- so wirst Du mit denen, so den SINN haben, eins im SINN,
- mit denen, so das LEBEN haben, eins im LEBEN,
- mit denen, so arm sind, eins in ihrer Armut.
- Bist Du Eins mit ihnen im SINN,
- so kommen Dir die, so den SINN haben,
- auch freudig entgegen.
- Bist Du eins mit ihnen im LEBEN,
- so kommen Dir die, so das LEBEN haben, auch freudig entgegen.
- Bist Du eins mit ihnen in ihrer Armut,
- so kommen Dir die, so da arm sind, auch freudig entgegen.
- Wo aber der Glaube nicht stark genug ist,
- da findet man keinen Glauben.
- 24.
- Wer auf den Zehen steht,
- steht nicht fest.
- Wer mit gespreizten Beinen geht,
- kommt nicht voran.
- Wer selber scheinen will,
- wird nicht erleuchtet.
- Wer selber etwas sein will,
- wird nicht herrlich.
- Wer selber sich ruehmt,
- vollbringt nicht Werke.
- Wer selber sich hervortut,
- wird nicht erhoben.
- Er ist fuer den SINN wie Kuechenabfall und Eiterbeule.
- Und auch die Geschoepfe alle hassen ihn.
- Darum: Wer den SINN hat,
- weilt nicht dabei.
- 25.
- Es gibt ein Ding, das ist unterschiedslos vollendet.
- Bevor der Himmel und die Erde waren,
- ist es schon da,
- so still, so einsam.
- Allein steht es und aendert sich nicht.
- Im Kreis laeuft es und gefaehrdet sich nicht.
- Man kann es nennen die Mutter der Welt.
- Ich weiss nicht seinen Namen.
- Ich bezeichne es als SINN.
- Muehsam einen Namen ihm gebend,
- nenne ich es: gross.
- Gross, das heisst immer bewegt.
- Immer bewegt, das heisst ferne.
- Ferne, das heisst zurueckkehrend
- So ist der SINN gross,
- der Himmel gross, die Erde gross,
- und auch der Mensch ist gross.
- Vier Grosse gibt es im Raume,
- und der Mensch ist auch darunter.
- Der Mensch richtet sich nach der Erde.
- Die Erde richtet sich nach dem Himmel.
- Der Himmel richtet sich nach dem SINN.
- Der SINN richtet sich nach sich selber.
- 26.
- Das Gewichtige ist des Leichten Wurzel.
- Die Stille ist der Unruhe Herr.
-
- Also auch der Berufene:
- Er wandert den ganzen Tag,
- ohne sich vom schweren Gepaeck zu trennen.
- Mag er auch alle Herrlichkeiten vor Augen haben:
- Er weilt zufrieden in seiner Einsamkeit.
- Wieviel weniger erst darf der Herr des Reiches
- in seiner Person den Erdkreis leicht nehmen!
- Durch leichtnehmen verliert man die Wurzel.
- Durch Unruhe verliert man die Herrschaft.
- 27.
- Ein guter Wanderer laesst keine Spur zurueck.
- Ein guter Redner braucht nichts zu widerlegen.
- Ein guter Rechner braucht keine Rechenstaebchen.
- Ein guter Schliesser braucht nicht Schloss noch Schluessel,
- und doch kann niemand auftun.
- Ein guter Binder braucht nicht Strick noch Baender,
- und doch kann niemand loesen.
- Der Berufene versteht es immer gut,
- die Menschen zu retten;
- darum gibt es fuer ihn keine verworfenen Menschen.
- Er versteht es immer gut, die Dinge zu retten;
- darum gibt es fuer ihn keine verworfenen Dinge.
- Das heisst die Klarheit erben.
- So sind die guten Menschen die Lehrer der Nichtguten,
- und die nichtguten Menschen sind der Stoff fuer die Guten.
- Wer seine Lehrer nicht werthielte
- und seinen Stoff nicht liebte,
- der waere bei allem Wissen in schwerem Irrtum.
- Das ist das grosse Geheimnis.
- 28.
- Wer seine Mannheit kennt
- und seine Weibheit wahrt,
- der ist die Schlucht der Welt.
- Ist er die Schlucht der Welt,
- so verlaesst ihn nicht das ewige LEBEN,
- und er wird wieder wie ein Kind.
- Wer seine Reinheit kennt
- und seine Schwaeche wahrt,
- ist Vorbild fuer die Welt.
- Ist Vorbild er der Welt,
- so weicht von ihm nicht das ewige LEBEN,
- und er kehrt wieder zum Ungewordenen um.
- Wer seine Ehre kennt
- und seine Schmach bewahrt,
- der ist das Tal der Welt.
- Ist er das Tal der Welt,
- so hat er Genuege am ewigen LEBEN,
- und er kehrt zurueck zur Einfalt.
- Ist die Einfalt zerstreut, so gibt es "brauchbare" Menschen.
- Uebt der Berufene sie aus, so wird er der Herr der Beamten.
- Darum: Grossartige Gestaltung
- bedarf nicht des Beschneidens.
- 29.
- Die Welt erobern und behandeln wollen,
- ich habe erlebt, dass das misslingt.
- Die Welt ist ein geistiges Ding,
- das man nicht behandeln darf.
- Wer sie behandelt, verdirbt sie,
- wer sie festhalten will, verliert sie.
- Die Dinge gehen bald voran, bald folgen sie,
- bald hauchen sie warm, bald blasen sie kalt,
- bald sind sie stark, bald sind sie duenn,
- bald schwimmen sie oben, bald stuerzen sie.
- Darum meidet der Berufene
- das Zusehr, das Zuviel, das Zugross.
- 30.
- Wer im rechten SINN einem Menschenherrscher hilft,
- vergewaltigt nicht durch Waffen die Welt,
- denn die Handlungen kommen auf das eigene Haupt zurueck.
- Wo die Heere geweilt haben, wachsen Disteln und Dornen.
- Hinter den Kaempfen her kommen immer Hungerjahre.
- Darum sucht der Tuechtige nur Entscheidung, nichts weiter;
- er wagt nicht, durch Gewalt zu erobern.
- Entscheidung, ohne sich zu bruesten,
- Entscheidung, ohne sich zu ruehmen,
- Entscheidung, ohne stolz zu sein,
- Entscheidung, weil's nicht anders geht,
- Entscheidung, ferne von Gewalt.
- 31.
- Waffen sind unheilvolle Geraete, alle Wesen hassen sie wohl.
- Darum will der, der den rechten SINN hat,
- nichts von ihnen wissen.
- Der Edle in seinem gewoehnlichen Leben
- achtet die Linke als Ehrenplatz.
- Beim Waffenhandwerk ist die Rechte der Ehrenplatz.
- Die Waffen sind unheilvolle Geraete,
- nicht Geraete fuer den Edlen.
- Nur wenn er nicht anders kann, gebraucht er sie.
- Ruhe und Frieden sind ihm das Hoechste.
- Er siegt, aber er freut sich nicht daran.
- Wer sich daran freuen wollte,
- wuerde sich ja des Menschenmordes freuen.
- Wer sich des Menschenmordes freuen wollte,
- kann nicht sein Ziel erreichen in der Welt.
- Bei Gluecksfaellen achtet man die Linke als Ehrenplatz.
- Bei Ungluecksfaellen achtet man die Rechte als Ehrenplatz.
- Der Unterfeldherr steht zur Linken, der Oberfuehrer steht zur Rechten.
- Das heisst, er nimmt seinen Platz ein nach dem Brauch der Trauerfeiern.
- Menschen toeten in grosser Zahl,
- das soll man beklagen mit Traenen des Mitleids.
- Wer im Kampfe gesiegt, der soll wie bei einer Trauerfeier weilen.
- 32.
- Der SINN als Ewiger ist namenlose Einfalt.
- Obwohl klein,
- wagt die Welt ihn nicht zum Diener zu machen.
- Wenn Fuersten und Koenige ihn so wahren koennten,
- so wuerden alle Dinge sich als Gaeste einstellen.
- Himmel und Erde wuerden sich vereinen,
- um suessen Tau zu traeufeln.
- Das Volk wuerde ohne Befehle
- von selbst ins Gleichgewicht kommen.
- Wenn die Gestaltung beginnt,
- dann erst gibt es Namen.
- Die Namen erreichen auch das Sein,
- und man weiss auch noch,
- wo haltzumachen ist.
- Weiss man, wo haltzumachen ist,
- so kommt man nicht in Gefahr.
- Man kann das Verhaeltnis des SINNS zur Welt vergleichen
- mit den Bergbaechen und Talwassern,
- die sich in Stroeme und Meere ergiessen.
- 33.
- Wer andre kennt, ist klug.
- Wer sich selber kennt, ist weise.
- Wer andere besiegt, hat Kraft.
- Wer sich selber besiegt, ist stark.
- Wer sich durchsetzt, hat Willen.
- Wer sich genuegen laesst, ist reich.
- Wer seinen Platz nicht verliert,
- hat Dauer.
- Wer auch im Tode nicht untergeht,
- der lebt.
- 34.
- Der grosse SINN ist ueberstroemend;
- er kann zur Rechten sein und zur Linken.
- Alle Dinge verdanken ihm ihr Dasein,
- und er verweigert sich ihnen nicht.
- Ist das Werk vollbracht,
- so heisst er es nicht seinen Besitz.
- Er kleidet und naehrt alle Dinge
- und spielt nicht ihren Herrn.
- Sofern er ewig nicht begehrend ist,
- kann man ihn als klein bezeichnen.
- Sofern alle Dinge von ihm abhaengen,
- ohne ihn als Herrn zu kennen,
- kann man ihn als gross bezeichnen.
-
- Also auch der Berufene:
- Niemals macht er sich gross;
- darum bringt er sein grosses Werk zustande.
- 35.
- Wer festhaelt das grosse Urbild,
- zu dem kommt die Welt.
- Sie kommt und wird nicht verletzt,
- in Ruhe, Gleichheit und Seligkeit.
-
- Musik und Koeder:
- Sie machen wohl den Wanderer auf seinem Weg anhalten.
- Der SINN geht aus dem Munde hervor,
- milde und ohne Geschmack.
- Du blickst nach ihm und siehst nichts Sonderliches.
- Du horchst nach ihm und hoerst nichts Sonderliches.
- Du handelst nach ihm und findest kein Ende.
- 36.
- Was Du zusammendruecken willst,
- das musst Du erst richtig sich ausdehnen lassen.
- Was Du schwaechen willst,
- das musst Du erst richtig stark werden lassen.
- Was Du vernichten willst,
- das musst Du erst richtig aufbluehen lassen.
- Wem Du nehmen willst,
- dem musst Du erst richtig geben.
- Das heisst Klarheit ueber das Unsichtbare.
- Das Weiche siegt ueber das Harte.
- Das Schwache siegt ueber das Starke.
- Den Fisch darf man nicht der Tiefe entnehmen
- Des Reiches Foerderungsmittel
- darf man nicht den Leuten zeigen.
- 37.
- Der SINN ist ewig ohne Machen,
- und nichts bleibt ungemacht.
- Wenn Fuersten und Koenige ihn zu wahren verstehen,
- so werden alle Dinge sich von selber gestalten.
- Gestalten sie sich und es erheben sich die Begierden,
- so wuerde ich sie bannen durch namenlose Einfalt.
- Namenlose Einfalt bewirkt Wunschlosigkeit.
- Wunschlosigkeit macht still,
- und die Welt wird von selber recht.
- 38.
- Wer das LEBEN hochhaelt, weiss nichts vom LEBEN;
- darum hat er LEBEN:
- Wer das LEBEN nicht hochhaelt, sucht das LEBEN nicht zu verlieren;
- darum hat er kein LEBEN.
- Wer das LEBEN hochhaelt, handelt nicht und hat keine Absichten.
- Wer das LEBEN nicht hochhaelt, handelt und hat Absichten.
- Wer die Liebe hochhaelt, handelt, aber hat keine Absichten.
- Wer die Gerechtigkeit hochhaelt, handelt und hat Absichten.
- Wer die Sitte hochhaelt, handelt, und wenn ihm jemand nicht erwidert,
- so fuchtelt er mit den Armen und holt ihn heran.
- Darum:
- Ist der SINN verloren, dann das LEBEN.
- Ist das LEBEN verloren, dann die Liebe.
- Ist die Liebe verloren, dann die Gerechtigkeit.
- Ist die Gerechtigkeit verloren, dann die Sitte.
- Die Sitte ist Treu und Glaubens Duerftigkeit und der Verwirrung Anfang.
- Vorherwissen ist des SINNES Schein und der Torheit Beginn.
- Darum bleibt der rechte Mann beim Voelligen und nicht beim Duerftigen.
- Er wohnt im Sein und nicht im Schein.
- Er tut das andere ab und haelt sich an dieses.
- 39.
- Die einst das Eine erlangten:
- Der Himmel erlangte das Eine und wurde rein.
- Die Erde erlangte das Eine und wurde fest.
- Die Goetter erlangten das Eine und wurden maechtig.
- Das Tal erlangte das Eine und erfuellte sich.
- Alle Dinge erlangten das Eine und entstanden.
- Koenige und Fuersten erlangten das Eine und wurden das Vorbild der Welt.
- Das alles ist durch das Eine bewirkt.
- Waere der Himmel nicht rein dadurch, so muesste er bersten.
- Waere die Erde nicht fest dadurch, so muesste sie wanken.
- Waeren die Goetter nicht maechtig dadurch, so muessten sie erstarren.
- Waere das Tal nicht erfuellt dadurch, so muesste es sich erschoepfen.
- Waeren alle Dinge nicht erstanden dadurch, so muessten sie erloeschen.
- Waeren die Koenige und Fuersten nicht erhaben dadurch, so muessten sie stuerzen.
- Darum: Das Edle hat das Geringe zur Wurzel.
- Das Hohe hat das Niedriege zur Grundlage.
- Also auch die Fuersten und Koenige:
- Sie nennen sich: 'Einsam', 'Verwaist','Wenigkeit'.
- Dadurch bezeichnen sie das Geringe als ihre Wurzel.
- Oder ist es nicht so?
- Denn: Ohne die einzelnen Bestandteile eines Wagens gibt es keinen Wagen.
- Wuensche nicht das glaenzende Gleissen des Juwels,
- sondern die rohe Rauheit des Steins.
- 40.
- Rueckkehr ist die Bewegung des SINNS.
- Schwachheit ist die Wirkung des SINNS.
- Alle Ding unter dem Himmel entstehen im Sein.
- Das Sein entsteht im Nichtsein.
- 41.
- Wenn ein Weiser hoechster Art vom SINN hoert,
- so ist er eifrig und tut danach.
- Wenn ein Weiser mittlerer Art vom SINN hoert,
- so glaubt er halb, halb zweifelt er.
- Wenn ein Weiser niedrigeer Art vom SINN hoert,
- so lacht er laut darueber.
- Wenn er nicht laut lacht,
- so war es doch nicht der eigentliche SINN.
- Darum hat ein Spruchdichter die Worte:
- "Der klare SINN erscheint dunkel.
- Der SINN des Fortschritts erscheint als Rueckzug.
- Der ebene SINN erscheint rauh.
- Das hoechste LEBEN erscheint als Tal.
- Die hoechste Reinheit erscheint als Schmach.
- Das weite LEBEN erscheint als ungenuegend.
- Das starke LEBEN erscheint verstohlen.
- Das wahre Wesen erscheint veraenderlich.
- Das grosse Geviert hat keine Ecken.
- Das grosse Geraet wird spaet vollendet.
- Der grosse Ton hat unhoerbaren Laut.
- Das grosse Bild hat keine Form".
- Der SINN in seiner Verborgenheit ist ohne Namen.
- Und doch ist gerade der SINN gut im Spenden und Vollenden.
- 42.
-